Das Szenario, das ich immer wieder erlebe
Der Hund kratzt sich seit Wochen. Er leckt sich die Pfoten wund, die Ohren entzünden sich immer wieder, auf der Haut zeigen sich rote Stellen. Manchmal Hot Spots, manchmal Quaddeln. Das Fell wird stumpf, der Körpergeruch verändert sich. Der Halter geht zum Tierarzt, Blut wird abgenommen, ein paar Tage später kommt eine Tabelle. Protein A hat Reaktionsklasse 2, Protein B hat Reaktionsklasse 5. Der Hund bekommt ein Mittel gegen den Juckreiz, meistens Cortison oder Apoquel, und die Empfehlung, bestimmte Proteine zu meiden. Und dann zückt der Tierarzt noch eine große Tüte Anti-Allergic-Futter mit hydrolysiertem Protein.
Zwei Monate später ist der Juckreiz zurück. Das gemiedene Protein ist aus dem Futter raus. Und trotzdem.
Das ist kein Einzelfall. Ich erlebe das sehr häufig in meiner Beratung. Und es hat fast immer denselben Grund: Der Test hat nicht gemessen, was der Halter geglaubt hat, dass er misst.
Was der IgE-Test wirklich misst
Der IgE-Test, den die meisten von uns als Allergietest kennen, misst spezifische Antikörper im Blut. Das Immunsystem bildet diese Antikörper, wenn es mit einer Substanz in Berührung kommt. Das klingt logisch. Doch hier ist der entscheidende Punkt, der in den meisten Gesprächen fehlt: Gesunde Hunde ohne jede Beschwerde zeigen von Natur aus Antikörper gegen Futterproteine. Und selbst wenn ein Hund nach einer Diät beschwerdefrei wird, bleiben die Antikörperwerte im Blut hoch. Der Test misst also etwas, das mit dem Befinden des Hundes schlicht nichts zu tun hat.
Der Körper bildet IgE-Antikörper auch dann, wenn er mit einer Substanz lediglich in Kontakt gekommen ist, ohne dass er sie schlecht verträgt. Es ist das Gedächtnis des Immunsystems, kein Alarmsignal. Die Gesamtgenauigkeit dieses Tests für Futtermittelallergien liegt laut Studien bei 58 bis 87 Prozent. Das bedeutet, dass in einem erheblichen Teil der Fälle das Ergebnis falsch positiv ist. Der Hund reagiert auf dem Papier auf Rindfleisch. Rindfleisch ist gar nicht das Problem.
Und der IgG-Test?
Der IgG-Test misst keine Allergie und keine Unverträglichkeit. Er misst, wie oft dein Hund ein bestimmtes Protein bekommen hat. Je öfter Huhn im Napf landet, desto höher der Huhn-IgG-Wert. Das ist ganz normales immunologisches Gedächtnis: Der Körper merkt sich, was er kennt. Ob dieses Protein ihm schadet, ob er darauf reagiert, ob er es verträgt, das sagt dieser Wert nicht. Nicht ein bisschen.
Eine Studie der Ludwigs-Maximilians-Universität München hat das sehr eindrücklich belegt. Hunde, bei denen eine Ausschlussdiät alle Symptome vollständig zum Verschwinden gebracht hatte, also kein Juckreiz mehr, keine Hautentzündungen, gar nichts, wiesen danach exakt dieselben erhöhten IgG- und IgE-Werte auf wie vorher. Die Antikörperspiegel hatten sich nicht verändert, obwohl der Hund beschwerdefrei war. Das beweist, dass diese Werte eine Unverträglichkeit schlicht nicht abbilden.
Warum der Unterschied zwischen Futter- und Umwelttest so wichtig ist
Hier gibt es eine Unterscheidung, die kaum jemand kennt und die entscheidend ist. Den IgE-Bluttest auf Futtermittel einzusetzen, ist nach aktuellem Stand der Wissenschaft nicht sinnvoll. Den IgE-Bluttest auf Umweltallergene einzusetzen, also auf Pollen, Hausstaubmilben, Vorratsmilben, Schimmelpilze und Gräser, ist dagegen valide und wertvoll. Dieser Umwelttest liefert eine verlässliche Grundlage dafür, was den Hund in seiner Umgebung wirklich triggert, und er ist die Basis für eine Desensibilisierungstherapie, also eine Behandlung, die an der Ursache ansetzt statt nur das Symptom zu unterdrücken.
Diese beiden Tests werden im Alltag fast nie auseinandergehalten. Dabei ist der Unterschied fundamental.
Echte Futtermittelallergie oder Futtermittelunverträglichkeit?
Bevor wir weitermachen, ist noch eine weitere Unterscheidung wichtig, die ebenfalls selten gemacht wird. Eine Futtermittelallergie und eine Futtermittelunverträglichkeit sind zwei verschiedene Dinge.
Bei einer echten Allergie liegt eine Fehlsteuerung des Immunsystems vor. Der Körper bildet Antikörper gegen harmlose Futterproteine und reagiert auf kleinste Mengen davon mit einer Entzündungsantwort. Schon ein Krümel des Allergens kann ausreichen, und das Allergen muss lebenslang streng gemieden werden.
Bei einer Unverträglichkeit, also einer Intoleranz, ist das Immunsystem nicht beteiligt. Meist handelt es sich um eine funktionelle Störung der Verdauung, zum Beispiel fehlende Enzyme. Die Symptome sind dosisabhängig, und nach einer erfolgreichen Darmsanierung können problematische Lebensmittel manchmal wieder problemlos gefüttert werden.
Beide zeigen dieselben Symptome. Klinisch sind sie ohne gezielte Diagnostik kaum auseinanderzuhalten. Und beide erfordern als ersten Schritt dieselbe Maßnahme: eine saubere Ausschlussdiät.